Beitragsseiten

Stress wirkt sich in erster Linie auf den Körper aus. Der menschliche Organismus ist genetisch dafür ausgestattet, auf Stress zu reagieren und sich durch die Bewältigung von Stress weiter zu entwickeln und zu wachsen. Das selbe gilt für traumatische Erlebnisse. Problematisch wird es allerdings, wenn Stress chronisch wird und traumatische Erfahrungen im Körper gespeichert bleiben.


Lesen Sie in unserem Artikel, wie der menschliche Organismus auf Stress und traumatische Erlebnisse reagiert, was uns mit allen anderen Säugetieren verbindet und welche Symptome und Anzeichen für chronische Belastungen nach traumatischen Ereignissen beschrieben werden.

Bildnachweis: Dieter/pixelio.de


 

Unabhängig davon, ob wir einer stressigen oder lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt sind, der Körper reagiert immer mit dem gleichen uralten Reflexmuster, welches allen Säugetieren eigen ist.

Das (autonome) Nervensystem mobilisiert zusammen mit dem Hormonsystem die erforderliche Energie, welche den Körper für eine adäquate Handlungsreaktion im Sinne von Kampf oder Flucht (Konfrontation oder Rückzug) vorbereitet. Wir werden hellwach, konzentriert auf den stressauslösenden Faktor, ohne etwas anderes wahrzunehmen, die Schmerzwahrnehmung lässt nach und unsere Muskulatur ist hoch angespannt, so dass unser Körper Leistungen vollbringen kann, die im Normalzustand nicht möglich sind. Kennen Sie die Momente, in denen Sie sich erschrecken und blitzartig spüren, wie ein Strom durch Ihren Körper schießt und Sie hellwach werden läßt?

Schmuckbild

Wenn diese körpereigene Energie durch Konfrontation oder Rückzug (Kampf oder Flucht) erfolgreich ausagiert werden kann, entspannt sich der Körper anschließend wieder und ist gestärkt von der eigenständigen Bewältigung der Situation. Allerdings kommt es nicht immer dazu. Wenn wir nicht kämpfen oder flüchten können, also handlungsunfähig sind, tritt eine dritte Form der autonomen Reaktion ein, die im Tierreich als Todstellreflex bekannt ist. Hierbei erstarrt der Körper und die zur Verfügung gestellte Energie friert im wahrsten Sinne des Wortes im Muskel- und Bindegewebe (den sog. Faszien) ein. Dies kann eine effektive Möglichkeit des Überlebens sein, ist allerdings nur als kurzfristige Lösung sinnvoll. Im Tierreich kann beobachtet werden, dass Tiere, die bei (potentieller) Bedrohung in eine Erstarrung verfallen (Schockstarre), ihren Körper, sobald die Gefahr vorüber ist ausschütteln und somit die Energie "abzittern". Durch dieses Zittern wird die biochemische und neuromuskuläre Ladung aus dem Körper entladen, was zur spontanen Erholung von dem traumatischen Ereignis führt.

Anders als bei Tieren unterbrechen Menschen das in ihnen genetisch angelegte und unwillkürlich auftretende Zittern in oder nach einer stressauslösenden Situation oft absichtlich. Dies hat überwiegend erziehungs- und wertungsabhängige Gründe. So wird z.B. gesellschaftlich suggeriert, dass Angsthaben und Zittern ein Zeichen von Schwäche ist. Wenn sich der Körper nicht entladen kann und zusätzlich die stressauslösende Situation bestehen bleibt, erhöht sich die Ladung im Laufe der Zeit immer mehr, so dass die Energie, die das Nerven- und Hormonsystem permanent zur Verfügung stellt, im Muskel- und Bindegewebe gehalten wird. Folge davon sind chronische Spannungszustände, die oft nicht mehr wahrgenommen werden, da das System ja weiter funktionieren muss - ein Selbstschutz des Körpers, um zu überleben.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Stress und Trauma in erster Linie auf den Körper wirken und erst im weiteren Verlauf auf den psycho-emotionalen Bereich. Daher ist es nötig, körpertherapeutische Methoden zur effektiven Lösung von Stress und Trauma zu wählen.


 

Und was hat das alles mit mir zu tun?

Wahrscheinlich eine ganze Menge, wenn Sie bis hierhin interessiert weiter gelesen haben. Die meisten Menschen unserer heutigen Leistungsgesellschaft sind mehr oder weniger großen Stresssituationen ausgeliefert, die unser Körper nicht ohne weiteres verarbeiten kann. Folge ist, dass das Nerven- und Hormonsystem ständig aktiv ist ("feuert"), um ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen, gleichzeitig kommt es oft nicht zur adäquaten Entladung der Energie. Das kann auch dazu führen, dass Sie gedanklich nicht abschalten und nicht zur Ruhe kommen.

Um nicht ständig "unter Strom" zu stehen reguliert das Nervensystem den Körper immer wieder runter, ohne sich wirklich zu erholen und zu entspannen. Denn das System ist weiter auf "Hab-Acht-Stellung" eingestellt (Hypervigilanz). Es kommt zu einer paradoxen Situation, in der Bewegung und Entwicklung kaum möglich ist, vergleichbar mit einem Autofahrer, der mit einem Fuß das Gaspedal und mit dem anderen das Bremspedal bis zum Anschlag drückt.

Bildnachweis: Dieter/pixelio.de


 

Wenn ein überforderndes Ereignis auf den menschlichen Organismus trifft, bei dem er mit seinen üblichen Bewältigungsstrategien nicht zurecht kommt, wird instinktiv auf unbewusster Ebene eine außergewöhnliche Menge an Energie freigesetzt, die es dem Körper ermöglicht, teilweise unvorstellbare körperliche Leistungen zu erbringen im Sinne von Handlung und Bewegung (Kampf oder Flucht).

Kann der Organismus diese Energie allerdings nicht adäquat nutzen, kommt es neben dem Zustand höchster Erregung zu einem Erstarrungszustand. Die bereit gestellte Energie verbleibt im Körper und wird im Muskel- und Bindegewebe gehalten.

Wird die gehaltene Energie nicht entladen, entstehen über Jahre hinweg vielfältige Symptome wie

  • Unruhe, Angst
  • chronische Verspannungen auf körperlicher und/oder psychischer Ebene
  • Schlafstörungen
  • Schwierigkeiten zu entspannen und "abzuschalten"
  • Erschöpfung
  • chronische Schmerzen
  • Rücken- und Nackenverspannungen, Migräne
  • geschwächtes Immunsystem
  • Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen
  • Abspaltung von den eigenen Gefühlen (Dissoziation)
  • unangemessen starke Aggressionsausbrüche, jähzornige Wutausbrüche
  • Bindungsunfähigkeit
  • bis hin zu psychischen Störungen (Depressionen, Phobien, Sucht, Essstörungen)

"Ein Trauma ist im Nervensystem gebunden.
Es ist somit eine biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine als lebensbedrohlich erfahrene Situation.
Das Nervensystem hat dadurch seine volle Flexibilität verloren.
Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden."
Dr. Peter Levine


 

Dank der modernen Hirnforschung, durch die sich das Verständnis der Reaktion des Nervensystems auf Stress weiterentwickelt hat entstanden während der letzten beiden Jahrzehnte neue Wege der Traumaheilung.

Während früher die klassische Psychotherapie für chronisch traumatische Belastungsstörungen angewendet wurde gibt es heute zunehmend mehr spezifische körperorientierte Traumatherapieverfahren. Wie bereits dargestellt treffen Stress und traumatische Erfahrungen auf den Körper, der blitzschnell über das Hormon- und das autonome Nervensystem (Symphaticus) reagiert. Dementsprechend braucht es zur Behandlung von Stress und Trauma körperorientierte anstatt kognitive Methoden.

Dr. Peter Levine (USA) hat bereits vor 3 Jahrzehnten sein Konzept Somatic Experiencing - SE vorgestellt, das im Laufe der Zeit weiterentwickelt wurde und aus dem das Neuroaffektive Beziehungsmodell - NARM entstanden ist.

Eine Form der Selbstregulation, die der Betroffene selber anwenden kann, um sich von Stress und traumatischer Ladung zu regulieren, ist das Tension Releasing Exercises - TRE von David Bercelli.

Bildnachweis: Dieter/pixelio.de
Autor: Dieter Lütz, Osteopathie Lütz & Mieth